Predigtgedanken, 31.05.2018 (Fronleichnam)

Pfarrer Meßner Liebe Mitchristen,

das Motto des diesjährigen Fronleichnamsfestes lautet: „Jesus, wo wohnst du?“ Es ist eine Fortführung des Erstkommunionthemas. Und so möchte ich Alois Prinz heute zu Wort kommen lassen, der Autor und Schriftsteller ist und mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Er lebt mit seiner Familie am Stadtrand von München.

Zum Thema „wo wohnt Jesus“ schreibt er: „Als Kind war für mich die Sache klar, Jesus wohnt in der Kirche. Wo auch sonst? Außerhalb der Kirche waren die Schule, der Fußballplatz, und da waren meine Freunde. Jesus konnte ich mir da damals nicht vorstellen. Gott war weit weg, im Himmel. Natürlich war Jesus für mich da: in der Kirche eben. Das bewiesen zum Beispiel die vielen Jesus-Bilder darin.

Als ich Ministrant wurde, beobachtete ich fasziniert, wie der Pfarrer nach der Eucharistiefeier den Kelch mit den Hostien in dem Tabernakel verschloss. In diesem goldverzierten Kasten, der auf einer Säule stand, so dachte ich, wohnt also Jesus. So lange jedenfalls, bis er wieder in der nächsten Messe herausgeholt wird. Dann kam die Erstkommunion, und ich musste meine Vorstellung davon, wo Jesus wohnt, wieder ändern. Die Hostien blieben ja nicht einfach im Tabernakel und auch nicht im Kelch oder in der Hostienschale. Sie wurden an die Gläubigen verteilt. Jesus musste also auch „teilbar“ sein. Jeder, der eine Hostie bekam, trug ihn mit sich fort. Das war ein geheimnisvoller Gedanke, und ich war schon gespannt, wie sich das anfühlt, Jesus in sich zu haben. Im Kommunionunterricht hatte ich gelernt, dass die geweihten Hostien das Fleisch von Jesus sind. Danach nahm ich also wirklich Jesus in meinen Mund und schluckte ihn hinunter. Jetzt hatte ich Jesus in mir, ich war jetzt sein Wohnort.

Viele Jahre später reiste ich das erste Mal in das Heilige Land, nach Israel. Ich besuchte die Orte, wo Jesus gelebt hatte, als wirklicher Mensch aus Fleisch und Blut, den man damals anfassen konnte. Ich war am Jordan, wo er getauft wurde. In Nazareth, wo er bei seiner Familie gewohnt hat. Und in Kafarnaum am See Genezareth, seiner zweiten Heimat. Seit seiner Auferstehung ist er aber nicht weg, sondern kann von Menschen immer wieder erfahren werden, so, als ob er leibhaftig anwesend wäre.

Der heilige Paulus war einer der Ersten, der das erlebt hat, als ihn auf dem Weg nach Damaskus Jesus wie ein Blitz aus dem Himmel zu Boden warf und zu ihm sprach. Im Mittelalter gab es fromme Frauen und Männer, man nannte sie Mystiker, die glaubten, dass jeder Mensch eine Seele hat, die Jesus aufnehmen kann. Teresa von Avila, die heute als Heilige und Lehrerin der Kirche verehrt wird, nannte die Seele eine Wohnung für Jesus. Wenn er darin anwesend ist, so beschreibt es Teresa, kann man mit ihm reden wie mit einem Freund. Als ihre Mitschwestern sich beschwerten, dass sie vor lauter Arbeit in der Küche nicht zum Beten kämen, meinte Teresa: Gott wohnt auch zwischen den Kochtöpfen. Damit meinte sie, dass man Jesus überall erfahren kann, in der Natur, beim Lesen eines Buches, bei der Arbeit, beim Spiel.

Herbeizwingen kann man ihn allerdings nicht. Man kann sich nur bereit machen. „Gott wohnt, wo man ihn einlässt“, sagt ein jüdisches Sprichwort. Diese Erfahrung kann man vor allem dann machen, wenn man für andere da ist, für schwache, arme, hilfsbedürftige Menschen.

Wie gesagt, eine Wohnung für Jesus zu werden, das kann man nicht „machen“, dafür gibt es keine Technik. Jesus lässt sich nicht zwingen. Er gibt sich als Geschenk. Man kann sozusagen nur die Wohnung für ihn herrichten – und dann, wenn er darin einzieht, dankbar dafür sein.

Den Gedanken von Alois Prinz folgend, wollen wir auch heute unseren Glauben an die Gegenwart Jesu ausdrücken, wenn wir uns mit ihm im Allerheiligsten auf den Weg machen. Wir erleben, dass unser Glaube nicht nur an heiligen Orten stattfindet, sondern auch dort, wo alles Andere des Lebens vorkommt - mitten auf der Straße. Gehen wir dem in Kopf und Herz nach, wenn wir mit den Füssen betend und singend über unsere Straßen gehen und Jesus in unserer Mitte ist. Denn er will mitten unter uns sein und bei uns wohnen.

Amen.



Predigt: Pfarrer Stephan Meßner