Predigtgedanken, 06.05.2018 (6. Ostersonntag)

Pfarrer Meßner Liebe Mitchristen,

spannende Wochen liegen hinter uns, in denen wieder einmal ein Streit darüber entbrannt ist, ob man ein Kreuz in einer öffentlichen Einrichtung aufhängen darf oder nicht. All das zeigt uns, wie unterschiedlich die Meinungen, Ansichten und Aussagen in unserem Land geworden sind, wenn es um die Religion geht. Interessant fand ich dazu die Berichterstattung um die Feierlichkeiten des 200 jährigen Jubiläum von Karl Marx: „Ein Prophet der Krise feiert sein Comeback!“ Marx war also ein Prophet, was ja ein christlicher Ausdruck ist, aber ein Kreuz in einem öffentlichen Gebäude, das geht gar nicht!

Es gab eine Zeit, das wusste man noch, dass von einem Kreuz Segen ausgeht und sich niemand vor einem Kreuz zu fürchten brauchte. Denn der, der am Kreuz hängt, ist für uns keine Gefahr, er ist für uns zum Segen geworden. Wir wollen in diesem Land „gut und gerne leben“, sind auf unsere Errungenschaften stolz, aber ohne den nötigen Respekt oder besser gesagt, der Ehrfurcht vor einem Kreuz, wird das nicht so bleiben!

Ich kann nicht von den Früchten einer christlich geprägten Kultur leben, von einem Wertesystem das christlich – jüdische Wurzeln hat, aber an der Demontage gleichzeitig mitarbeiten. Oder kann ich zu einem Menschen sagen „ich liebe dich“, wenn es aber darum geht, zu ihm zu halten, sich für ihn einzusetzen, ihm die Treue zu halten, dann einen Rückzieher machen? Werden dann die anderen nicht denken: „Schau mal, welch große Worte und dann sowas!“

„Liebt einander, wie ich euch geliebt habe?“, sagt uns Jesus im Evangelium. Haben sie sich schon einmal die Frage, etwa vor einem Kreuz, gestellt: „Jesus, wie hast du mich denn geliebt?“

Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer und sein evangelische Mitbruder Regionalbischof Hans-Martin Weiss haben zu dieser Debatte einen ökumenischen Hirtenbrief geschrieben. Darin heißt es sinngemäß: Das Kreuz ist ein kostbares Erinnerungszeichen. Es ruft in Erinnerung, dass das „Bewusstsein der Verantwortung vor Gott und den Menschen“ im Grundgesetz verankert ist. Die Anrufung Gottes formuliert die Ehrfurcht vor Gott, denn an die Botschaft des Kreuzes erinnert zu werden ist nicht nur zumutbar, sondern auch hilfreich, auch für jene, die diesen Glauben nicht teilen. Das Kreuz bewahrt den Staat vor der Versuchung, sich totalitär des Menschen zu bemächtigen. Das Kreuz erinnert alle Frauen und Männer, die im Dienst des Staates stehen, an ihre Verantwortung, der Würde und Freiheit der Menschen zu dienen. Am Kreuz hängt der Grund unserer Menschenrechte. Wir wissen auch, dass das Kreuz schon politisch und militärisch missbraucht wurde, fest steht aber auch, dass die Menschenrechte einen religiösen, jüdisch-christlichen Hintergrund haben. Das öffentlich angebrachte Kreuz sichert die Grundlagen der Neutralität des Staates im Sinne der Freiheit der Religionsausübung. Das Kreuz Christi steht für Versöhnung, ja sogar für die Möglichkeit der Versöhnung von Tätern und Opfern. Das Kreuz steht für die Achtung der Würde jedes Einzelnen, besonders der Schwachen und Hilfsbedürftigen. Vor dem Kreuz als dem Zeichen der verwandelnden und erlösenden Kraft der Liebe muss sich niemand fürchten. Mit dem Anbringen von Kreuzen alleine ist es aber nicht getan, vielmehr braucht es auch Politikerinnen und Politiker die für das öffentliche Bekenntnis zum Kreuz stehen.

Wer sich also auf das Kreuz beruft und unter das Kreuz stellt, wird sich auch an seinem Anspruch messen lassen. Das Kreuz verbindet uns mit dem Himmel und mit dem, der an ihm hängt.

Amen.



Predigt: Pfarrer Stephan Meßner