Predigtgedanken, 30.03.2018 (Karfreitag)

Pfarrer Meßner Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

seitdem Papst Franziskus sich bei einem italienischen Fernsehsender zur sechsten Bitte des Vaterunsers geäußert hat, gab es darüber eine große Diskussion! Wie ist die Gebetsbitte Jesu zu verstehen: „Und führe uns nicht in Versuchung?“ Müsste sie nicht richtiger lauten: „Lass nicht zu, dass wir versucht werden?“

Letzteres hört sich sicherlich angenehmer an, denn es entlastet alle jene, die sich fragen: „Wie kann Gott, der die Liebe ist, uns überhaupt in Versuchung führen?“ Doch wenn wir in den griechischen Urtextfassungen nachsehen, dann heißt das entscheidende Wort: „hineintragen“ oder „hineinbringen!“ Damit ist eindeutig, dass es hier nicht um eine Sache geht, in die ich wie zufällig hineingerate, sondern um eine Situation, in die ich hineingeführt werde. „Und führe uns nicht in Versuchung“, das ist die getreue Übersetzung des griechischen Originals.

Schon im Alten Testament ist an vielen Stellen davon die Rede, dass Gott uns Menschen auf die Probe stellt. Adam und Eva können der Versuchung nicht widerstehen, auch Abraham und Hiob werden ganz schön auf die Probe gestellt. Aber, und das wird dabei gerne übersehen, die Versuchung stärkt ihr Vertrauen in Gott, sie reifen im Glauben an ihn.

Vielleicht kennen Sie, liebe Schwestern und Brüder, solche Situationen der Erprobung auch aus Ihrem eigenen Leben. Damit meine ich Herausforderungen oder Krisen, an denen Sie letztendlich gewachsen und reifer geworden sind. Wenn der Psalmist beten kann: „Erprobe mich, Herr, und durchforsche mich, prüfe mich auf Herz und Nieren“ (Ps 26,2), dann weiß er, dass in einer solchen Versuchung auf der Anruf Gottes steckt: „Vertraue mir!“

Papst Franziskus hat Recht, wenn er sagt, dass Gott nicht mit uns Menschen spielt, er verführt uns nicht zum Bösen. Aber Jesus selbst wurde vom Teufel versucht und hat die Erfahrung der Prüfung auch am Ölberg, im Garten Getsemani durchgemacht. Deshalb lesen wir im Hebräerbrief über ihn: Er ist „in allem wie wir in Versuchung geführt worden.“ (Hebr 4,15) Versuchung ist die Gefahr, aufgrund von Not, Krankheit, Einsamkeit, Verzweiflung und Todesangst an allem irre zu werden, was mir bisher im Leben Halt gegeben hat: an meinem Glauben, meiner Hoffnung, meiner Liebe.

Wer betet „und führe uns nicht in Versuchung“, der bittet darum, an Gott nicht irre zu werden. Damit aber bringt er zugleich sein Vertrauen zu Gott zum Ausdruck: Er traut Gott zu, ihn durch diese Erfahrung hindurch zu führen und zu beschützen.

Der ärgste Prüfstein des Glaubens aber ist und bleibt das Kreuz. Es ist Grund genug, an Gottes Macht und Gegenwart zu zweifeln. Jesus durchlebt diese Ohnmacht: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46) Aber sein Leiden am Kreuz ist für uns zugleich zur Hoffnung geworden, dass auch wir wiedergeboren werden, im Reich Gottes. Und sind wir nicht gerade heute in der größten Versuchung, den eigentlichen Glauben zu verlieren und uns nur noch an das zu halten, was wir sehen, fühlen, riechen oder schmecken können.

„Gütiger Jesus, du weißt, wie oft ich schwach bin. Du kennst mich besser, als ich mich selber kenne. Hilf mir, dass ich nicht in Situationen komme, in denen die Versuchung stärker ist als mein Wille. Lass mich nicht in Versuchung geraten. Und hilf mir, dass ich mich nicht selber leichtfertig in Versuchung bringe.“

Jesus, ich vertraue auf dich!“

Amen.



Predigt: Pfarrer Stephan Meßner