Predigtgedanken, 04.02.2018 (Patronatsfest Heilige Veronika)

Markus 5,24-34: Viele Menschen folgten ihm und drängten sich um ihn. Darunter war eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutfluss litt. Sie war von vielen Ärzten behandelt worden und hatte dabei sehr zu leiden; ihr ganzes Vermögen hatte sie ausgegeben, aber es hatte ihr nichts genutzt, sondern ihr Zustand war immer schlimmer geworden. Sie hatte von Jesus gehört. Nun drängte sie sich in der Menge von hinten heran und berührte sein Gewand. Denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt. Und sofort versiegte die Quelle des Blutes und sie spürte in ihrem Leib, dass sie von ihrem Leiden geheilt war. Im selben Augenblick fühlte Jesus, dass eine Kraft von ihm ausströmte, und er wandte sich in dem Gedränge um und fragte: Wer hat mein Gewand berührt? Seine Jünger sagten zu ihm: Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drängen, und da fragst du: Wer hat mich berührt? Er blickte umher, um zu sehen, wer es getan hatte. Da kam die Frau, zitternd vor Furcht, weil sie wusste, was mit ihr geschehen war; sie fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit. Er aber sagte zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein.



Pfarrer Meßner Liebe Mitchristen,

Blutungen können mitunter sehr unangenehm sein und vor allem, wenn ein Mensch regelmäßig Blut verliert, wird sein Körper schwächer, wird er anfälliger. Kein Wunder also, dass die Frau, deren Name uns im Evangelium nicht genannt wird, von der uns aber gesagt wird, dass sie seit 12 Jahren unter Blutungen leidet, nach jeder erdenklichen Heilungschance greift. Ihr Leben wird uns geschildert, sie rennt seit Jahren von einem Arzt zum anderen, macht aber keine guten Erfahrungen. Es wird immer noch schlimmer und die vielen Behandlungen, die für sie sehr schmerzhaft sind, bewirken das eher Gegenteil. Ihr ganzes Vermögen ist verbraucht, finanziell ist sie am Ende, hat aber von dem Wunderheiler aus Nazareth gehört, drängt sich durch die Menge von hinten an ihn heran und berührt ihn.

Trotz all dieser Enttäuschungen brennt in ihr immer noch der Glaube an eine Heilung, der Glaube: „Wenn ich diesen Jesus berühren kann, kann ich Heilung erfahren.“ Nach der Berührung hört die Blutung tatsächlich sofort auf, sie spürt es, sie ist geheilt. Jesus spürt bei dieser Berührung auch eine Kraft die von ihm ausgeht, die er aber scheinbar gar nicht einzuordnen weiß. Darum seine Frage: „Wer hat mein Gewand berührt?“

Alle sind verdutzt, was für eine Frage, von dem, der ein Bad in der Menge nimmt und um den sich so viele Leute drängen? Durch und durch ehrlich, ergriffen und zugleich ängstlich erzählt ihm die geheilte Frau das Erlebte. Aus Dankbarkeit und wohl auch weil sie ihn um Verzeihung bitten will, fällt sie vor Jesus nieder. In dem sie ihn berührt hat, ist auch er unrein geworden, müsste er sofort in den Tempel gehen und sich dort rituell reinigen. Doch anstatt die Frau zu fragen, warum sie als Unreine ihn berührt hat, macht ihr Jesus keine Vorwürfe, sondern erklärt uns vielmehr, warum die Frau geheilt wurde: „Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen!“

Das erinnert mich an die Aussage Jesu im Markusevangelium: „Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Mk. 3, 35) Was für eine schöne Anrede, die Jesus für diese fremde Frau findet: „Dein Glaube erhebt dich zu einer Tochter Gottes!“

Die kirchliche Tradition, die sich auf viele außerbiblische Zeugnisse beruft, hat eine Verbindung zwischen der blutflüssigen Frau und der Frau am Kreuzweg Jesu gesehen, die wir heute als Veronika verehren. Sie wird Jesus einige Zeit später ein Schweißtuch reichen, als er ihr am Kreuzweg wieder begegnet, aber nun selber vom Leiden gezeichnet ist. Obwohl die sechste Kreuzwegstation in der Bibel nicht beschrieben wird, gibt es unzählige Darstellungen, die uns diese Szene zeigen und nachdenken lassen. So als wolle sich Veronika erkenntlich zeigen und mit dieser Geste des Mitleids dem, der sie durch eine einfache Berührung geheilt hat, der sie wieder ins Leben zurückkehren ließ, ein wenig von dem zurückzugeben, was sie von ihm empfangen hat, an den sie nun fest glaubt.

Im Jahr 705 hat Papst Johann VII. im alten Petersdom einen Veronika Altar errichten lassen, auf dem ein Bild zu sehen war, das eine Frau mit einem ausgebreitetem Tuch zeigt. Papst Cölestin III. sagte dazu: „Man nennt es Veronika, weil die Frau, welcher das Tuch angehört, Veronika hieß.“ Und Papst Innozenz III. legte verbindlich fest: Man soll es wie eine „Passionsreliquie“ behandeln. Hier hat wohl die 6. Kreuzwegstation im Laufe der Jahrhunderte ihre eigentümliche Bedeutung erhalten.

Unser Logo, das wir etwa auf dem Pfarrbrief abgedruckt haben, zeigt ein Tuch und zwei Hände, die eine Hand reicht das Tuch der anderen Hand. Es will uns sagen, dass die dienende Haltung, die ist, die Veronika anspornte, entgegen der Gleichgültigkeit so vieler, mutig zu handeln und ihr Schweißtuch so zu einer Geste von Mitleid und Menschlichkeit wurde. Jesus Christus sucht auch heute mutig Handelnde, die nicht die Augen verschließen oder sich selbst begnügen, sondern die Hand reichen: „Dem, der sie braucht!“

Amen.



Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, mit freundlicher Genehmigung der katholischen Bibelanstalt Stuttgart, Predigt: Pfarrer Stephan Meßner