Predigtgedanken, 12.11.2017 (32. Sonntag im Jahreskreis)

Weisheit 6, 12-16: Strahlend und unvergänglich ist die Weisheit; wer sie liebt, erblickt sie schnell, und wer sie sucht, findet sie. Denen, die nach ihr verlangen, gibt sie sich sogleich zu erkennen. Wer sie am frühen Morgen sucht, braucht keine Mühe, er findet sie vor seiner Türe sitzen. Über sie nachzusinnen ist vollkommene Klugheit; wer ihretwegen wacht, wird schnell von Sorge frei. Sie geht selbst umher, um die zu suchen, die ihrer würdig sind; freundlich erscheint sie ihnen auf allen Wegen und kommt jenen entgegen, die an sie denken.

Matthäus 25, 1-13: In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern das folgende Gleichnis: Mit dem Himmelreich wird es sein wie mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen. Fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug. Die törichten nahmen ihre Lampen mit, aber kein Öl, die klugen aber nahmen außer den Lampen noch Öl in Krügen mit. Als nun der Bräutigam lange nicht kam, wurden sie alle müde und schliefen ein.

Mitten in der Nacht aber hörte man plötzlich laute Rufe: Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen! Da standen die Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen zurecht. Die törichten aber sagten zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, sonst gehen unsere Lampen aus. Die klugen erwiderten ihnen: Dann reicht es weder für uns noch für euch; geht doch zu den Händlern und kauft, was ihr braucht. Während sie noch unterwegs waren, um das Öl zu kaufen, kam der Bräutigam; die Jungfrauen, die bereit waren, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal, und die Tür wurde zugeschlossen. Später kamen auch die anderen Jungfrauen und riefen: Herr, Herr, mach und auf! Er aber antwortete ihnen: Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde



Pfarrer Meßner Liebe Mitchristen,

noch nie waren wir so frei und noch nie so überfordert, um zu entscheiden. Diese unüberschaubare Auswahl an allem Möglichen, was uns da geboten wird, entpuppt sich als zunehmende Last, als nie gut genug, als immer mehr. Wer dieser Überfülle entkommen will, sich wirklich frei machen will, dem empfehle ich den Blick, die Zeit und das aufrichtige Gespräch mit Gott. Im Buch der Weisheit, aus dem wir in der Lesung gehört haben, wird uns erzählt, von jemandem, der diese Erfahrung bereits gemacht hat: „Wer die Weisheit am frühen Morgen sucht, braucht keine Mühe … wer ihretwegen wacht, wird schnell von Sorge frei.“

Ja, Gott kennt bereits heute meine Sorgen, die mir morgen begegnen werden und er weiß bereits um deren Lösung. Und darum ist es mehr als klug, sich ihm im Gebet ganz anzuvertrauen.

Davon erzählen die zehn Jungfrauen im Evangelium, die in all dem, was ihr Leben so ausmacht, auf Gottes Kommen warten. Sie stehen für uns alle, die wir wissen, hier niemals ganz bei Gott leben zu können. Das Öl in ihren Lampen ist ihre innere Gesinnung, ihre Haltung, ihre Liebe zu Gott. Fünf von ihnen geht irgendwann das Öl aus, sie haben im Alltagstrubel vergessen an ihn zu denken, das heißt, sie rechnen gar nicht mehr mit seinem Kommen. Ihre Sehnsucht nach Gott erlischt, ihr Glaube verliert sich im Alltäglichen, anderes wird wichtiger.

„Wer will denn wissen, ob es nach dem Tod noch etwas gibt, warum soll ich denn beten, das bringt doch eh nichts!“ Jean-Paul Sartre, der berühmte französische Philosoph und selbsterklärte Atheist, hat auf seinem Sterbebett, obwohl er immer gegen Gott und Kirche gewettert hat, von einem Freund gefragt, ob er nicht doch an ein Leben nach dem Tod glaube, geantwortet: „Peut-être“ („Vielleicht“!) Mit diesem „Peut-être-Glauben“ steht Sartre heute nicht allein. Oft sind ähnliche Aussagen, auch bei Christen zu hören, wenn sie sich nicht festlegen, aber sich noch alle Türen offen lassen wollen.

Davor will uns Jesus mit dem Bild von der geschlossen Tür wachrütteln. Um bei seinem Hochzeitsmahl dabei sein zu können, muss ich auch etwas einsetzen, damit er nicht plötzlich vor mir erscheint und sagt: „Ich kenne dich nicht!“ Ich glaube, dass diese Worte Jesu heute oft gar nicht mehr so richtig ernst genommen werden, so als ob das alles ein Automatismus sei und Gott habe gefälligst dann das zu tun, was ich will, wenn es ihn überhaupt gibt. Aber wie will ein Mensch bei Gott leben, wenn in seiner Lampe kein Öl ist, keine Liebe zu Gott, keine Sehnsucht nach ihm, der Glaube an ihn längst erloschen? Will er genauso „gleichgültig“ im Himmel weitermachen?

Christliche Hoffnung, die diesen Namen wirklich verdient, rechnet fest mit dem Kommen Gottes und glaubt an ein Leben über den Tod hinaus, traut Gott etwas zu. Denn Liebe will beantwortet werden, will nie aufhören!

Es finde es schon eigenartig, dass es Christen gibt, die in einer Not eine Kerze anzünden oder beten, aber gleichzeitig nicht an ein Leben bei Gott glauben. Wer soll da helfen?

„Er lässt deinen Fuß nicht wanken; er, der dich behütet, schläft nicht. Nein, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.“ (Ps. 121, 4-5).

Füllen wir hier neu unsere Lampen mit dem Öl der Freude an Gottes Gegenwart und bleiben wir wachsam, um sein endgültiges Kommen zu erwarten. Damit wir nicht bei einem „Peut-être-Glauben“ à la Sartre stehen bleiben, sondern ihm von Herzen entgegenrufen: „Amen. Halleluja! Das Heil und die Herrlichkeit und die Macht ist bei unserm Gott.“ (Offb. 19, 1)

Das Leben bei Gott wird keine einfache Verschönerung des aktuellen Lebens sein. Es übersteigt ja schon heute unsere Vorstellungskraft. „Kein Ohr hat es gehört und kein Auge gesehen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“ (1 Kor. 2, 9)

Amen.



Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, mit freundlicher Genehmigung der katholischen Bibelanstalt Stuttgart, Predigt: Pfarrer Stephan Meßner