Predigtgedanken, 14.04.2017 (Karfreitag)

Pfarrer Meßner Liebe Schwester und Brüder in Christus,

„Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte?“ (Mt. 26, 53)

Zwölf Legionen Engel, eine römische Legion bestand zur Zeit Jesus aus 3000 bis 6000 Soldaten! Zwölf Legionen Engel, also zehntausende von Engel standen Jesus zur Seite, was könnte er aber damit gemeint haben? Er sagt dies zu dem Zeitpunkt, als Judas mit den Tempelsoldaten auf dem Ölberg anrückt, um ihn festzunehmen und Petrus ihn mit seinem Schwert verteidigen will. Er sagt damit, dass er sich freiwillig den Menschen ausliefert, aber auch, dass er die Macht hätte die Menschen an dem, was kommen wir, nämlich seiner Passion, zu hindern. Also hat all das einen tieferen Sinn, es geschieht nicht rein zufällig, auch unser Leiden bleibt in seinem Licht nicht mehr sinnlos und umsonst.

Im letzten Jahr gab es bei uns eine große Diskussion über die Frage, ob man Kreuze in Gerichtssälen abhängen sollte. Der Präsident des Saarbrücker Landesgerichtes begründete seine Entscheidung mit dem Hinweis, im Gericht werde nicht im Namen Gottes Recht gesprochen, sondern in einer anderen Autorität. Und natürlich, Recht sprechen Richter im Namen des Volkes, aufgrund der Grundlage unserer Rechtsordnung. Und ich kann mich auch nicht erinnern, dass ein Richter seine Bibel ausgepackt hätte, um etwas anderes zu tun oder sich göttliche Autorität angemaßt hätte.

Aber das Kreuz erinnert uns daran, dass wir weder Gott und auch nicht die Herren dieser Welt sind, sondern dass wir eine Verantwortung vor Gott und den Menschen haben. Dass bei uns auch ein Richter nicht tun und lassen kann, was er gerade möchte, sondern dass Regeln und Gesetze, die auf unsere christliche Kultur und Identität zurückzuführen sind, sich bis heute in der Gerichtsbarkeit widerspiegeln.

Darum steht auch in der Präambel unseres Grundgesetzes: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“ Für diesen Gott steht in unserer Glaubens- und Geistesgeschichte zuerst und vor allem das Kreuz. Es ist kein Besitz, den man einfach so wegräumen kann, es ist die Erinnerung an das Dasein Gottes, seine Menschwerdung, sein ungerechtes menschliches Urteil und seine Verurteilung!

Rein menschlich betrachtet, ist Jesus Opfer ungerechter Rechtsprechung geworden, das Opfer von Machtinteressen, von Seilschaften und eines Richters, der sich hat korrumpieren lassen. Das Kreuz Jesu steht also für Gerechtigkeit! Insofern ist es ein wichtiges Zeichen, auch in unseren Gerichten, weil es Mahnung und Hoffnung zugleich ist, Menschen wirklich zu ihrem Recht kommen zu lassen und ihnen zu helfen, wenn sie Unrecht erlitten haben.

Der Gekreuzigte ist im doppelten Sinn ein Ausgestoßener: Nicht nur, dass man ihn auf seinem Kreuzweg aus der Stadt hinaus treibt, sondern auch aus der Gemeinschaft verstößt. Im Aufrichten des Kreuzes wird der Gekreuzigte gewissermaßen von der Erde weggestoßen, man will ihn hier nicht mehr haben. Mit ihm können sich all jene identifizieren, denen Unrecht geschieht.

Wenn wir gleich bei der Kreuzverehrung das Kreuz und den Gekreuzigten anschauen, dann sehen wir ein zutiefst menschliches Bild. Wir sehen den Menschen in seiner Zerbrechlichkeit und Erbärmlichkeit, aber auch in seiner Würde und Größe. Denn wir dürfen in dem Gekreuzigten nicht nur den Menschen sehen, der schicksalhaft dem Leid unterworfen ist, sondern auch denjenigen, der sich bewusst für die anderen einsetzt, der sich in diesem Sinn festnageln lässt, der es aushält, um der anderen willen ausgegrenzt, belächelt oder beschimpft zu werden.

Das ist seine Größe und am Ende wird der Gekreuzigte nicht im Leiden und Tod stehen bleiben, er wird vielmehr aus Liebe zu uns Menschen in allem uns gleich, um aufzuerstehen und auch uns einmal zu dieser Auferstehung zu rufen. Amen.



Predigt: Pfarrer Stephan Meßner